Mein Mann entschuldigte sich jeden Morgen.
Pünktlich um sieben Uhr zwölf.
„Es tut mir leid, Martha.“
Dann küsste er mich auf die Stirn, nahm seine
Aktentasche und fuhr zur Arbeit.
Anfangs fand ich es romantisch.
Ein Mann, der seine Fehler einsah, war schließlich eine Rarität. Besonders nach achtundzwanzig Ehejahren.
Allerdings wusste ich nicht, wofür er sich entschuldigte.
„Was tut dir leid?“, fragte ich eines Morgens.
Er lächelte.
„Du weißt schon.“
Nein.
Wusste ich nicht.
Ich begann nachzudenken.
Vielleicht ging es um unsere Silberhochzeit, die er vergessen hatte. Oder um die Affäre mit seiner Sekretärin, die er angeblich nie gehabt hatte.
Vielleicht um den hässlichen Sessel, den er vor drei Jahren gekauft hatte.
Der Sessel allein rechtfertigte mindestens zwanzig Entschuldigungen.
Eines Tages beschloss ich, ihn nicht gehen zu lassen.
„Paul, ich möchte eine Antwort.“
Er betrachtete seine Uhr.
„Ich komme zu spät.“
„Dann kommst du eben zu spät.“
Er seufzte.
„Martha, bitte.“
„Wofür entschuldigst du dich?“
Sein Gesicht veränderte sich.
Nicht viel.
Nur dieses kleine Zucken um die Mundwinkel.
„Dafür, dass ich geblieben bin.“
Ich starrte ihn an.
„Was soll das heißen?“
Er nahm seine Aktentasche.
„Du hast mich darum gebeten.“
Dann ging er.
Ich verbrachte den Vormittag damit, unsere Ehe zu analysieren.
Wir hatten gestritten.
Natürlich.
Wir hatten uns versöhnt.
Meistens.
Wir hatten ein Kind großgezogen, ein Haus abbezahlt und einander irgendwann nicht mehr besonders viel zu erzählen gehabt.
Eine gewöhnliche Ehe.
Nichts, wofür man sich täglich entschuldigen musste.
Am Nachmittag rief ich unsere Tochter an.
„Hat dein Vater jemals davon gesprochen, mich zu verlassen?“
Sie schwieg.
„Mama, warum fragst du?“
„Weil er sich jeden Morgen entschuldigt.“
Dann sagte sie:
„Mama, Papa wohnt seit vier Jahren nicht mehr bei dir.“
Ich lachte.
„Sehr witzig.“
„Das ist kein Witz.“
Ich blickte zur Garderobe.
Sein Mantel hing dort.
Seine Schuhe standen darunter.
Seine Aktentasche war verschwunden.
Wie jeden Morgen.
„Er ist heute zur Arbeit gefahren“, sagte ich.
Meine Tochter atmete hörbar aus.
„Mama, Papa ist längst in Rente.“
Ich legte auf.
Am nächsten Morgen wartete ich um sieben Uhr zwölf im Flur.
Paul kam die Treppe herunter.
Grauer Anzug.
Braune Schuhe.
Aktentasche.
„Es tut mir leid, Martha.“
Ich stellte mich vor die Tür.
„Du wohnst nicht mehr hier.“
Er blieb stehen.
Lange betrachtete er mich.
Dann stellte er die Aktentasche ab.
„Nein“, sagte er.
Ich schluckte.
„Warum kommst du trotzdem?“
Er sah mich an.
„Weil du mich jeden Abend anrufst.“
„Das stimmt nicht.“
Er holte sein Handy heraus.
Zeigte mir die Anrufliste.
Jeden Abend.
21:43 Uhr.
Meine Nummer.
Manchmal zwanzig Minuten.
Manchmal eine Stunde.
Ich starrte auf den Bildschirm.
„Was sage ich?“
Paul lächelte traurig.
„Dass du morgen endlich mit mir reden möchtest.“
Ich setzte mich auf die Treppe.
„Und warum entschuldigst du dich?“
Er schwieg.
Dann sagte er:
„Weil ich dir jeden Morgen verspreche, dass ich wiederkomme.“
Ich betrachtete ihn.
„Aber du kommst doch wieder.“
Er nickte.
„Ja.“
„Dann verstehe ich nicht, warum es dir leidtut.“
Paul nahm seine Aktentasche.
„Weil ich dir jedes Mal Hoffnung mache.“
Er ging.
Und zum ersten Mal bemerkte ich, dass sein Mantel an der Garderobe gar nicht seiner war.
Sondern meiner.
Ich hatte ihn vor vier Jahren gekauft.
Damit der Haken nicht leer blieb.

Schreibe einen Kommentar