Die zweite Wahrheit

Eigenständiges literarisches Beitragsbild für den Prosatext „Die zweite Wahrheit“ von Tess Welter. Eine düstere, rätselhafte Szene: ein halb geöffnetes altes Notizbuch auf einem dunklen Tisch, darunter zwei sich überlagernde handgeschriebene Seiten und ein schmaler Streifen kaltes Restlicht. Entsättigte Anthrazit- und Graugrüntöne, warme Papierfarbe, feines analoges Korn, tiefe Schatten, still und psychologisch unheimlich, ohne Menschen, ohne lesbaren Text, keine drastischen Motive. Hochwertige atmosphärische Literaturfotografie, Querformat.

Es gibt Menschen, die lügen, ohne ein einziges falsches Wort zu sagen.

Sie erzählen, was geschehen ist. Präzise, sachlich, beinahe gelangweilt.

Sie lassen lediglich etwas weg.

Einen Blick. Einen Gedanken. Eine Entscheidung.

Manchmal genügt das, um aus einem Täter ein Opfer zu machen. Aus einem Zufall eine Absicht. Aus einer Erinnerung eine überzeugende Geschichte.

Das Erstaunliche daran ist nicht, wie leicht andere Menschen solchen Erzählungen glauben.

Sondern wie schnell der Erzähler selbst damit beginnt.

Irgendwann verschwinden die Widersprüche. Die Erinnerung passt sich an. Das Gewissen wird still.

Und eines Tages ist die erfundene Version glaubwürdiger als das Geschehene.

Vielleicht ist die gefährlichste Lüge jene, für die niemand mehr einen Lügner braucht.

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