Das Hotel hatte sieben Zimmer.
Sechs waren belegt.
Das siebte existierte nicht.
Zumindest behauptete das der Besitzer.
„Zimmer sieben gibt es nicht“, sagte er, während er mir den Schlüssel für Nummer sechs überreichte.
Ich betrachtete den langen Flur.
An den Türen hingen Messingschilder.
Eins.
Zwei.
Drei.
Vier.
Fünf.
Sechs.
Sieben.
„Und das dort?“
Der Besitzer folgte meinem Blick.
Sein Gesicht blieb vollkommen ruhig.
„Eine Abstellkammer.“
„Mit einer Zimmernummer?“
„Eine alte Angewohnheit.“
Ich hätte gehen sollen.
Aber draußen regnete es, mein Auto war kaputt, und das nächste Hotel lag dreißig Kilometer entfernt.
Außerdem war ich müde.
Müdigkeit ist ein ausgezeichneter Ersatz für gesunden Menschenverstand.
Um Mitternacht klopfte jemand an meine Tür.
Dreimal.
Langsam.
Ich öffnete.
Niemand.
Nur ein kleiner Umschlag lag auf dem Teppich.
Darin befand sich eine Karte.
Bitte halten Sie sich an die Hausordnung.
Ich drehte sie um.
Auf der Rückseite standen drei Regeln.
1. Verlassen Sie Ihr Zimmer nach Mitternacht nicht.
2. Antworten Sie nicht, wenn jemand Ihren Namen ruft.
3. Falls Sie sich selbst begegnen, vermeiden Sie jedes Gespräch.
Ich lachte.
Ein schlechter Scherz.
Vermutlich vom Besitzer.
Vielleicht eine dieser sogenannten Erlebnisunterkünfte, in denen Menschen dafür bezahlten, schlecht zu schlafen.
Ich legte die Karte auf den Nachttisch.
Um 00:17 Uhr hörte ich meine Stimme.
„Daniel?“
Sie kam aus dem Flur.
„Daniel, mach bitte auf.“
Ich setzte mich auf.
Die Stimme klang wie meine.
Nicht ähnlich.
Identisch.
Sogar dieses leichte Kratzen im Hals, das ich seit meiner Erkältung hatte.
Ich blieb sitzen.
„Ich weiß, dass du wach bist“, sagte die Stimme.
Ich betrachtete die Tür.
Dann mein Handy.
Kein Empfang.
Natürlich.
In solchen Situationen hat man grundsätzlich keinen Empfang.
Die Stimme lachte.
„Du hältst dich wirklich an die Regeln?“
Ich schwieg.
„Dann muss ich wohl warten.“
Schritte entfernten sich.
Ich blieb bis zum Morgen wach.
Beim Frühstück fragte ich den Besitzer nach dem Umschlag.
Er betrachtete die Karte.
Dann mich.
„Wo haben Sie die her?“
„Sie lag vor meiner Tür.“
Er wurde blass.
„Haben Sie mit jemandem gesprochen?“
„Nein.“
Er atmete hörbar aus.
„Gut.“
Ich betrachtete ihn.
„Was soll das alles?“
Er setzte sich mir gegenüber.
„Vor einigen Jahren hat ein Gast behauptet, er hätte sich selbst im Flur gesehen.“
„Und?“
„Er hat mit ihm gesprochen.“
„Was ist passiert?“
Der Besitzer schwieg.
Dann sagte er:
„Am nächsten Morgen waren beide verschwunden.“
Ich lachte.
„Eine nette Geschichte.“
Er erwiderte mein Lachen nicht.
„Wie hieß der Gast?“, fragte ich.
Der Besitzer sah mich lange an.
Dann schob er mir das alte Gästebuch hin.
Ich schlug es auf.
Der letzte Eintrag war elf Jahre alt.
Daniel Weber.
Mein Name.
Meine Unterschrift.
Mein Geburtsdatum.
Ich starrte auf die Seite.
„Das ist unmöglich.“
Der Besitzer nickte langsam.
„Das sagen Sie jedes Mal.“
Ich sah ihn an.
„Jedes Mal?“
Er schloss das Buch.
„Sie kommen alle paar Jahre wieder. Immer mit
demselben Auto. Immer bei Regen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich war noch nie hier.“
„Das sagen Sie ebenfalls jedes Mal.“
Ich stand auf.
„Ich fahre.“
Der Besitzer hielt mich nicht auf.
Er legte lediglich einen Schlüssel auf den Tisch.
Messing.
Alt.
Mit einer eingravierten Sieben.
„Den haben Sie beim letzten Mal vergessen.“
Ich starrte auf den Schlüssel.
Dann auf den Mann.
„Was ist hinter dieser Tür?“
Er sah mich an.
„Das wollten Sie damals unbedingt herausfinden.“
„Und?“
Der Besitzer senkte den Blick.
„Sie haben sie geöffnet.“
Ich nahm den Schlüssel nicht.
Verließ das Hotel.
Stieg in mein inzwischen repariertes Auto.
Und fuhr los.
Erst nach zwanzig Kilometern bemerkte ich den Umschlag auf dem Beifahrersitz.
Darin lag eine neue Karte.
Nur ein Satz.
Sie haben diesmal vergessen, Ihren anderen Gast mitzunehmen.
Ich blickte in den Rückspiegel.
Auf dem Rücksitz saß ein Mann.
Er sah aus wie ich.
Nur älter.
Sehr viel älter.
Er lächelte. „Endlich“, sagte er.
„Diesmal können wir reden.“

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