Die Frau, die immer recht hatte

Eigenständiges düsteres literarisches Beitragsbild für die Kurzgeschichte „Die Frau, die immer recht hatte“. Eine elegante, rätselhafte Frau steht in einem stillen, altmodischen Zimmer neben einem halb geöffneten Fenster; ihr Gesicht bleibt teilweise im Schatten, auf dem Tisch liegen ordentlich gefaltete Briefe und eine stehengebliebene Tasse. Entsättigte Anthrazit- und Graugrüntöne, sanftes Restlicht, feines analoges Korn, tiefe Schatten, still und psychologisch unheimlich, ohne drastische Motive, keine Schrift und kein Text im Bild.

Meine Schwester hatte immer recht.

Das war keine Übertreibung.

Es war eine medizinisch bislang ungeklärte Tatsache.

Wenn sie Regen vorhersagte, regnete es.

Wenn sie behauptete, ein Paar würde sich trennen, folgte spätestens drei Wochen später die Scheidung.

Und wenn sie sagte, jemand sei ein schlechter Mensch, sollte man besser seine Handtasche festhalten.

Ich hasste sie dafür.

Nicht wegen ihrer Vorhersagen.

Sondern wegen ihres Gesichtsausdrucks.

Als hätte sie die Welt verstanden und wir anderen seien lediglich schlecht informierte Statisten.

„Du wirst dich von Martin trennen“, sagte sie eines Sonntags.

Ich verschluckte mich beinahe an meinem Kaffee.

„Wie bitte?“

„In sechs Wochen.“

„Unsinn.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Wir werden sehen.“

Ich liebte Martin.

Zumindest meistens.

Er war zuverlässig, freundlich und besaß die bemerkenswerte Fähigkeit, sämtliche Haushaltsgeräte nach ihrer Bedienungsanleitung zu benutzen.

Ein seltener Mann.

Wir waren seit neun Jahren verheiratet.

Und wir waren glücklich.

Davon war ich überzeugt.

Sechs Wochen später zog Martin aus.

Nicht wegen einer anderen Frau.

Nicht wegen eines Streits.

Sondern weil er mir gestand, dass er seit Jahren unglücklich war.

Ich rief meine Schwester an.

„Woher hast du das gewusst?“

Sie schwieg.

Dann sagte sie:

„Ich kenne dich.“

Ich legte auf.

Drei Monate später sagte sie voraus, dass ich meine Arbeit verlieren würde.

Zwei Wochen danach wurde meine Abteilung geschlossen.

Dann prophezeite sie einen Wasserschaden in meiner Wohnung.

Am nächsten Morgen tropfte es von der Küchendecke.

Langsam wurde ich misstrauisch.

Entweder war meine Schwester hellsichtig.

Oder sie hatte ausgesprochen gute Kontakte zu meiner Hausverwaltung.

Ich begann, ihre Vorhersagen aufzuschreiben.

Datum.

Uhrzeit.

Wortlaut.

Ein kleines Experiment.

Schließlich hatte ich studiert.

Ich glaubte an Wissenschaft.

Nicht an Frauen, die mit einer Tasse Kräutertee in der Hand das Schicksal ihrer Verwandtschaft bestimmten.

Eines Abends sagte meine Schwester:

„Du wirst mich bald hassen.“

Ich lachte.

„Dafür brauchst du keine prophetischen Fähigkeiten.“

Sie lächelte nicht.

„Mehr als jetzt.“

Ich betrachtete sie.

„Warum?“

„Weil du etwas herausfinden wirst.“

Natürlich.

Ein Geheimnis.

Meine Schwester liebte Geheimnisse.

Vor allem solche, bei denen sie überlegen wirken konnte.

„Was werde ich herausfinden?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Das musst du selbst entdecken.“

Ich ging nach Hause.

Und begann zu suchen.

Zuerst in alten Nachrichten.

Dann in Familienunterlagen.

Schließlich in den Briefen unserer verstorbenen Mutter.

Dort fand ich es.

Einen Umschlag.

Mit meinem Namen.

Darin lag ein Brief, den meine Mutter kurz vor ihrem Tod geschrieben hatte.

Meine liebe Anna,

du hast mich oft gefragt, warum deine Schwester Dinge weiß, bevor sie passieren.

Die Antwort ist einfacher, als du glaubst.

Sie weiß sie nicht.

Sie sorgt dafür.

Ich las den Satz dreimal.

Dann ein viertes Mal.

Meine Schwester hatte Martin nicht vorausgesagt.

Sie hatte offenbar schon lange mit ihm über unsere Ehe gesprochen.

Sie hatte meine beruflichen Schwierigkeiten gekannt, weil sie mit meiner ehemaligen Vorgesetzten befreundet war.

Und der Wasserschaden?

Meine Schwester besaß einen Ersatzschlüssel.

Plötzlich erschien mir alles erschreckend logisch.

Ich rief sie an.

„Ich weiß Bescheid.“

Stille.

Dann:

„Ach.“

Ich hasste dieses Wort.

„Du hast alles manipuliert.“

Sie schwieg.

„Meine Ehe. Meine Arbeit. Meine Wohnung.“

„Anna.“

„Was?“

„Du verstehst es falsch.“

Ich lachte bitter.

„Natürlich. Wie immer.“

„Ich wollte dir helfen.“

„Indem du mein Leben zerstörst?“

Sie atmete tief ein.

„Indem ich dir zeige, was nicht funktioniert.“

Ich legte auf.

Eine Woche später wechselte ich die Schlösser.

Ich blockierte ihre Nummer.

Ich erzählte meinen Freunden, was geschehen war.

Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich mich frei.

Drei Monate vergingen.

Dann sechs.

Mein Leben wurde ruhiger.

Ich fand eine neue Arbeit.

Lernte neue Menschen kennen.

Begann sogar wieder zu lachen.

Bis eines Morgens ein Brief in meinem Briefkasten lag.

Ohne Absender.

Darin stand:

Du wirst bald verstehen, warum ich es getan habe.

Ich zerknüllte das Papier.

Warf es weg.

Und beschloss, meiner Schwester niemals wieder Macht über mein Leben zu geben.

Am Abend klingelte mein Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Ich nahm ab.

„Frau Berger?“

„Ja?“

„Hier spricht Dr. Neumann. Ich bin der behandelnde Arzt Ihrer Schwester.“

Ich erstarrte.

„Was ist passiert?“

Er schwieg kurz.

„Ihre Schwester hat mich gebeten, Sie anzurufen. Sie möchte Ihnen etwas erklären.“

„Ich will nichts von ihr hören.“

„Das verstehe ich.“

„Dann lassen Sie mich in Ruhe.“

„Frau Berger, Ihre Schwester ist seit fast einem Jahr bei uns in Behandlung.“

Ich setzte mich.

„Was?“

„Sie hatte in dieser Zeit nur sehr eingeschränkten Kontakt zur Außenwelt.“

Ich starrte auf die Wand.

Ein Jahr.

Das konnte nicht sein.

Ich hatte sie gesehen.

Mit ihr telefoniert.

Sie hatte vor meiner Tür gestanden.

Mir Briefe geschickt.

„Das ist unmöglich“, flüsterte ich.

Der Arzt schwieg.

Dann fragte er:

„Wann haben Sie Ihre Schwester zuletzt

persönlich gesehen?“

Ich wollte antworten.

Sofort.

Aber plötzlich wusste ich es nicht mehr.

Ich erinnerte mich an ihre Stimme.

An ihre Nachrichten.

An die Briefe.

An ihre Vorhersagen.

Doch das letzte Treffen?

Ich suchte in meinen Erinnerungen.

Vergeblich.

„Frau Berger?“

Ich schwieg.

„Ihre Schwester sagt, dass Sie seit Monaten Nachrichten in ihrem Namen verschicken.“

Ich ließ das Telefon sinken.

Auf meinem Schreibtisch lag mein Notizbuch.

Das mit den Vorhersagen.

Ich schlug es auf.

Datum.

Uhrzeit.

Wortlaut.

Jede Prophezeiung war ordentlich dokumentiert.

Ich blätterte weiter.

Bis zur letzten Seite.

Dort stand ein Satz.

In meiner Handschrift.

Wenn sie immer recht hat, muss ich niemals selbst entscheiden.

Ich starrte darauf.

Dann klingelte mein zweites Handy.

Das alte.

Das ich seit Monaten nicht mehr benutzt hatte.

Auf dem Display erschien ein Name.

Anna.

Mein eigener.

Ich nahm ab.

Eine Frauenstimme meldete sich.

Meine Stimme.

„Na endlich“, sagte sie.

„Ich dachte schon, du würdest es nie verstehen.“

Ich schloss die Augen.

Und zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich nicht, welcher von uns beiden ich glauben sollte. 

Comments

Schreibe einen Kommentar

Entdecke mehr von Tess Welter

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen