Die Unschuld der Erinnerung

Düsteres, stilles literarisches Beitragsbild für den Prosatext „Die Unschuld der Erinnerung“ auf der Website der Autorin Tess Welter. Eine verlassene, leicht geöffnete Schublade mit verblassten Fotografien und einem schmalen Streifen sanften Restlichts; entsättigte Anthrazit- und Graugrüntöne, feines analoges Korn, tiefe Schatten, rätselhaft und atmosphärisch, ohne Menschen, ohne Text und ohne drastische Motive.

Die Erinnerung ist eine unzuverlässige Zeugin.

Sie verändert Aussagen, unterschlägt Zusammenhänge und ergänzt fehlende Tatsachen durch Überzeugungen.

Trotzdem wird ihr geglaubt.

Besonders dann, wenn sie die eigene Unschuld bestätigt.

Mit den Jahren werden aus Vermutungen Gewissheiten. Aus Gewissheiten entstehen Wahrheiten. Und irgendwann erscheint jede abweichende Darstellung wie eine Lüge.

Vielleicht besteht das größte menschliche Missverständnis darin, Erinnerungen für Beweise zu halten.

Dabei beweisen sie zunächst nur eines.

Dass jemand sich erinnert.

Nicht, dass es so gewesen ist.

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